Familien-Leben

Jutta Bredemuehl

Ich bin vor vier Jahrzehnten in Hattingen geboren. Vor zwei Jahrzehnten bin ich aus Deutschland ausgewandert.

Jetzt stellt sich mir die Frage, wie mein trinationales 10-jähriges Kind, das 4000 Meilen weit entfernt groß wird,  (m/s)eine Neue Heimat Ruhr finden kann.

Gemeinsam sind wir im Sommer 2017 Wege und Orte meiner Kindheit abgegangen und haben Momente, irgendwo zwischen Schnappschuss und Performance, halb inszeniert halb spontan entstehen lassen, an die ich (falsche/verlorene/verzerrte?) Erinnerungen als Kind habe: Der uralte Kaugummi-Automat in meiner Straße. Die vor kurzem abgebrannten Anbauten meiner Grundschule. Der (nun abgeholzte da giftige) Goldregenbaum, auf den wir früher kletterten. Die Bushaltestelle, von der aus ich mit meinem Vater zum Minigolf fuhr.

Meine Tochter hat diese Erinnerungen nicht, aber sie teilt nach und nach einige, die ich ihr erzähle, andere nicht. Sie entwickelt ihre eigenen emotionalen Beziehungen und Kindheitserinnerungen zu dem Ort, dem Ruhrgebiet, der für ihre Mutter wichtig ist, den sie aber nur einmal im Jahr besucht. Sie erbt und eignet sich ihn spielerisch als Heimat an und erinnert sich auch in der Ferne, zwischen Selbstverständlichkeit und kultureller und sprachlicher Verwirrung, (Un- oder Anders-)Verständnis und Stolz über ihre Vermessung der neuen/alten Welt: an das Euro-Stück (nicht mehr die Mark) für den Automaten, die Rutsche des Kindergartens, den verlassenen Sandkasten hinter dem Haus, den Schulhof, den Baumstumpf.

Familien-Leben